Streckenkenntnis

Fragen der echten Bahntechnik, Lokbedienung, PZB usw.
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sylpre
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Streckenkenntnis

#1 Beitrag von sylpre »

Hallo liebe Eisenbahner,

wie verhält es sich, wenn aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse eine Lok auf ihrem Weg von A nach C über B umgeleitet werden muss, wenn der Lokführer nur über eine Streckenkenntnis von A nach C verfügt, jedoch nicht von A nach B und von B nach C? Laut den Informationen, die ich hierzu habe im Internet finden können, muss ein Lotse mitfahren, bzw. wenn dies nicht möglich ist, darf die Strecke nur mit einer geringeren Geschwindigkeit befahren werden, als es normalerweise möglich wäre. Umwiviel km/h muss die Geschwindigkeit geringer sein?

Viele Grüße,

Sylvio

Matthias Z.
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Re: Streckenkenntnis

#2 Beitrag von Matthias Z. »

Hallo,
generell darfst Du ohne Streckenkenntnis nicht fahren.
Ausnahme ist die Anweisung des Evu und wenn es nicht im Streckenbuch verboten ist.
Vmax ohne Kenntnis auf Hauptbahnen 100, auf Nebenbahnen 40 kmh. Die Fahrweise ist an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Mit Lotse vmax.
Die Hände des Töpfers fertigen das Gefäß.
Die Asche seiner Frau vollendet es.

MBT Kuhl
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Re: Streckenkenntnis

#3 Beitrag von MBT Kuhl »

Es gelten zudem andere Mindestbremshundertstel. Wenn im Fahrplan 100 Mbr stehen, Du aber nur eingeschränkt kundig bist, darfst Du nur fahren, wenn im Zug 140 Brh vorhanden sind. Dies ist eine Regelung des VDV. Eingeschränkte Streckenkenntnis ist die Kenntnis, die nur durch Ansehen von Fahrplan, La und Streckenbuch erworben wird. Diese ist maximal sieben Tage im Voraus zu erwerben. Der Erwerb ist zu melden.

In der Praxis sieht das anders aus, weil die Formalien zu kompliziert sind, jedenfalls bei kurzfristigen Umleitungen. Dann ist man selten kundig auf allen Abschnitten. Du fährst einfach mal locker 20 km/h langsamer. Als eine Weiche in Röderau eingefroren war, konnte ich nur richtung Zeithain und Dresden bzw. Elsterwerda, nicht aber nach Riesa und Chemnitz fahren. Ich habe in Elsterwerda Kopf gemacht und bin von Rohrwerk über Zeithain nach Riesa gefahren. Streckenbuch lesen und La anschauen reicht bei einfachen Verhältnissen aus.

Bei häufigen Streckenwechseln geht es nicht, alles richtig zu machen, weil man für drei Stunden Fahrt fünf Stunden lesen müsste. Das ist natürlich übertrieben. Man muss einfach angepasst fahren. Es ist auch nicht möglich, selbst mit Streckenkenntnis immer die Bücher richtig umzublättern. Die schlimmste Umleitung war mit der 159 von Schwerte Ost über Dortmund Hörde, Huckarde Süd, Mengede, Castrop-Rauxel, Gelsenkirchen Bismarck und Oberhausen nach Opladen, weil Westhofen dicht war. Ich hatte alle etwa 10 Ersatzfahrplanhefte des Regionalbereichs West vor mir liegen und gefühlt alle gebraucht. Es ist aber unmöglich, für zwei km umzublättern. Das kann kein Mensch alles lesen und als der Fahrplan kam, war ich in Fröndenberg durch. Wegen der Tonnage hatte ich grüne Welle bis Hörde. Wichtig ist dann, so zu fahren, dass man möglichst nicht bremsen muss. Die Gefahr des Verbremsens ist am Berg zu hoch.

Du siehst, als Tf sollte man sehr erfahren sein, wenn man auf längeren Wegen umgeleitet wird. Umleiten unter erleichterten Bedingungen ist dabei eher harmlos. Das findet man noch im Ebula. Heutzutage sollte es eigentlich möglich sein, die Daten für den Fahrplan im Tablet weitgehend drin zu haben und es wird einem nur eine Datei geschickt zur Erzeugung des Fahrplans aus den gespeicherten Daten.

Die DB hatte mal für längere Umleitungen es nicht geschafft, das Ebula der Regelzüge auf dem RE2 in NRW so zu ändern, dass der Fahrplan passend angezeigt wurde. Es mussten Triebfahrzeugbegleiter mitfahren, die den Tfs die richtigen Bücher angereicht haben. Einer allein hätte das nicht gekonnt, ohne im Blindflug zu fahren. Man kann nur entweder Fahrplan lesen oder Strecke beobachten. Beides geht kaum. In den Fahrplan sollte man ohnehin nie länger als 1 s bis 2 s, weil sonst die Fahrwegbeobachtung unzureichend ist.
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Achim Adams
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Re: Streckenkenntnis

#4 Beitrag von Achim Adams »

Bei uns ist im Betriebsregelwerk recht genau definiert, wie sich im Falle einer Fahrt ohne Streckenkunde zu verhalten ist. Details hierzu darf jedoch als Interna nicht nennen.
Grundsätzlich muss der Betriebsleiter hier zustimmen. Da er seine Pappenheimer aber kennt weiß er wem er das zutrauen kann und wem besser nicht. Ein Tf der sich unsicher fühlt darf einen solchen Auftrag aber auch ablehnen.
Ein Fahrt ohne Streckenkunde macht nicht wirklich Spaß, das ist Stress pur! Du klebst mit einem Auge im Streckenbuch, mit dem anderen Auge auf der Strecke, und versuchst herauszufinden wo genau du denn jetzt bist. An unübersichtlichen Stellen kommt man gerne mal durcheinander und verliert die Orientierung. Wenn dann der Fdl auch noch eine Fehlleitung verursacht, ist man völlig im Arsch. Zudem muss man schon sehr regelwerksfest sein, da tauchen dann plötzlich Signale und Situationen auf die man irgendwann mal vor langer Zeit in der Theorie gelernt hat. Speziell Bü-sichern bei Halt im betrieblichen Einschaltabschnitt ist da zu nennen. Einmal ging da ein Nothaltauftrag ein, da schaust du erstmal ob dich das wirklich betrifft. Anschließend erhielt ich noch den Auftrag die Strecke zu erkunden, da kommt dann richtig Freude auf. Noch schlimmer, wenn man einen Nothaltauftrag absetzen muss und erstmal gucken muss welche Betriebsstellen denn genannt werden müssen.

Entspanntes Fahren geht anders.

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Hubert
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Re: Streckenkenntnis

#5 Beitrag von Hubert »

Wobei das Wort "Streckenkenntnis" ein sehr dehnbarer Begriff ist. Ich zweifle an mancher Streckenkenntnis von deutschen Tfzf die diese speziell am Gotthard haben wollen ?(
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Michael_Poschmann
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Re: Streckenkenntnis

#6 Beitrag von Michael_Poschmann »

Hubert hat geschrieben:Wobei das Wort "Streckenkenntnis" ein sehr dehnbarer Begriff ist. Ich zweifle an mancher Streckenkenntnis von deutschen Tfzf die diese speziell am Gotthard haben wollen ?(
Moin Hubert, gibt es denn eine Vorschrift, dass Nicht-Eidgenossen beim Befahren der schönen Schweiz das Rollo herunterziehen und die Augen fest geschlossen halten müssen?

Rätselnde Grüße (mit Esszett ;) )
Michael

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Hubert
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Re: Streckenkenntnis

#7 Beitrag von Hubert »

Falsche Antwort. Meine Frage betraf nur die nach Eisenbahngesetz verlangte Streckenkenntnis.
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MBT Kuhl
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Re: Streckenkenntnis

#8 Beitrag von MBT Kuhl »

Hallo Hubert

Die Streckenknntnis muss jeweils den Gegebenheiten des Landes entsprechen. Man kann beliebig viel über die Strecken wissen, aber wann der Kaiser zur Eröffnung da war und wann das zweite Gleis von der Roten Armee entwendet wurde, ist mir eher egal.

Die Bemerkung zum Gotthard kann ich nicht nachvollziehen. Sie braucht offensichtlich etwas mehr Erläuterung.

Grüsse
Moritz
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Hubert
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Re: Streckenkenntnis

#9 Beitrag von Hubert »

@Moritz
Vielleicht wird Dir einer der vorhandenen DB-Tfzf erklären was Streckenkenntnis bedeutet und wie man sie erlangt. Ich kenne nur die ÖBB-Vorschriften dazu.
Gruss HUbi
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Re: Streckenkenntnis

#10 Beitrag von Michael_Poschmann »

Hallo Hubert,

auf die Gefahr, dass wir vom Thema abkommen: Ich gehe mal davon aus, dass Moritz mit dem Thema wohlvertraut ist. Im Gegensatz zu uns interessierten Laien ist das seine Arbeitsgrundlage.

Grüße
Michael

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Achim Adams
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Re: Streckenkenntnis

#11 Beitrag von Achim Adams »

Das schweizerische Eisenbahngesetz schweigt sich zur Streckenkunde völlig aus, das österreichiche Eisenbahngesetz verlangt auch nur dass Streckenkunde vorhanden sein muss. Über Art und Umfang schweigt sich dieses Gesetz dann wiederum aus. Die Dienstvorschrift sagt dazu "Nähere Bestimmungen sind für Tfzf, Beimänner, Zub in besonderen Dienstanweisungen festgelegt."

Deine Aussage zum Gotthard ist daher mehr als erklärungsbedürftig.

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Hubert
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Re: Streckenkenntnis

#12 Beitrag von Hubert »

Es gibt dt. Tfzf die von Basel bis Chiasso fahren. Auch hier wird Streckenkunde verlangt.
Aber wie die der Begriff der Streckenkunde erlangt wird, das ist wohl das Problem.
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Achim Adams
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Re: Streckenkenntnis

#13 Beitrag von Achim Adams »

Aber ganz offentlich passt dir etwas nicht an der Art und Weise wie Streckenkunde erlangt wurde. Bitte da um Aufklärung was genau dir daran nicht passt, oder an welchen Beobachtungen du das festmachst.

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Hubert
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Re: Streckenkenntnis

#14 Beitrag von Hubert »

Ist mir egal wie Streckenkunde erlangt wird aber vielleicht erklärst Du mal was unter dem Begriff "Streckenkunde" zu verstehen ist ;)
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Re: Streckenkenntnis

#15 Beitrag von IngoW »

Hubert hat geschrieben: 13.09.2021 09:20:05 Ist mir egal wie Streckenkunde erlangt wird aber vielleicht erklärst Du mal was unter dem Begriff "Streckenkunde" zu verstehen ist ;)
Ich als Laie habe mal eben "geklickt " und siehe da :
https://de.wikipedia.org/wiki/Streckenkenntnis

Das Wording "Streckenkunde" oder "Streckenkenntnis " kann man wohl vernachlässigen.

Ingo

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Achim Adams
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Re: Streckenkenntnis

#16 Beitrag von Achim Adams »

Hauptsächlich Kenntnisse über die Beschaffenheit der Strecke, wesentliche Neigungen, Geschwindigkeitswechsel, abweichende Signalstandorte, Schutzstrecken, örtliche Kommunikationswege und Zuständikeiten von Fdl/Ww, örtliche Abfertigungsverfahren, Bedeutung der Richtungsanzeiger, eingerichtete Umleitungen, im Personenverkehr auch Bahnsteige und Bahnsteiglängen usw. Es können auch Nebensächlichkeiten dazugehören: Wo gibt es was zu futtern? Wo gibt es Kaffee? Wo bekommen Eisenbahner Rabatte? Wo kann man aufs Klo?

Das gehört zum Grundwissen "Eisenbahn" und ist nicht näher geregelt. Vereinzelt findet man im Betriebsregelwerk jedoch örtlich Hinweise auf was örtlich besonders zu achten ist.

Du hast aber noch immer nicht erklärt was dich an der Gotthard-Situation stört.

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Re: Streckenkenntnis

#17 Beitrag von Hubert »

Danke für die Erklärung. Aber ich zweifle an der tatsächlichen Streckenkenntnis von dt. Tfzf für diese gesamte Gotthardstrecke.
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Re: Streckenkenntnis

#18 Beitrag von Achim Adams »

Nochmals die Frage: anhand welcher konkreten Feststellungen kommst du zu dieser Erkenntnis?

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Re: Streckenkenntnis

#19 Beitrag von Carsten Hölscher »

Preisfrage: Wer erwartet jetzt eine sinnvolle Diskussion?

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Re: Streckenkenntnis

#20 Beitrag von IngoW »

Carsten Hölscher hat geschrieben: 13.09.2021 10:23:29 Preisfrage: Wer erwartet jetzt eine sinnvolle Diskussion?

Carsten

Ähhh , ja schwierig ..., ich glaube niemand, aber vielleicht hatte Hubert nur mal wieder ein schlechtes Wochenende. :mua

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